Auf Wiedersehen!

Halli-Hallo, ihr Lieben!

Dies ist mein letzter Blogbeitrag, den ihr nun von mir hier zu lesen bekommt. Ich bin schon ein bisschen traurig. Seit anderthalb Monaten bin ich jetzt wieder in der Heimat und mir kommt es so vor, als wäre ich vor Jahren in Wittenberg gewesen. Schon ein bisschen verrückt, findet ihr nicht?! 15 Monate lang habe ich dort gelebt, gearbeitet und geliebt. Blicken wir doch mal kurz zurück zu den Anfängen:

Februar 2016
Ich stehe kurz vor Beendigung meines Abiturs. Ich weiß, dass ich nicht direkt mit dem Studium weitermachen will und komme auf die Idee, ein FSJ zu machen. Bei der Landeskirche erkundige ich mich über FSJ-Stellen im Ausland, die sich im kirchlichen Rahmen bewegen. Im Ausland gab es keine Angebote, aber in Wittenberg sollte 2017 das Reformationsjubiläum groß gefeiert werden. Im Internet informierte ich mich darüber und bewarb mich kurzerhand. Keine zwei Tage später erhielt ich eine Einladung zu einem Informationstag.

April 2016
Ich habe mein Abitur geschafft und habe erst mal nichts zu tun und fahre gemütlich nach Wittenberg, um dort den Verein „Reformationsjubiläum 2017 e.V.“ kennenzulernen. Es ist ein interessanter und informativer Tag an dessen Ende für mich feststeht: „Ich werde in 2 Monaten ein neues, eigenes Leben beginnen.“

25. Juni 2016
Viele Tränen und ganz viel Enthusiasmus. An diesem Tag bin ich von Pfaffen-Schwabenheim nach Lutherstadt Wittenberg umgezogen. Meine Mama, meinen Bruder und meine Tante verabschiedete ich unter vielen Tränen. Sie waren traurig, ich war traurig und voller Vorfreude. Das erste Mal mein eigenes Reich, keine blöden Regeln von Mama und Papa und keine Eltern, die einem ständig auf die Finger schauen und wissen möchten, wann ich wo bei wem bin und was ich mache. nein, keine Sorge, ganz so extrem ist es natürlich nicht gewesen, aber ich übertreibe manchmal einfach gerne ein bisschen. Meinen besten Freund und meinen Papa habe ich erstmal mitgenommen, alleine schaffe ich es schließlich nicht, die zwölf Umzugskisten in den 5. Stock zu schleppen. Am nächsten Tag aber saß ich dann abends schon alleine in der Wohnung. Es war ein richtig komisches Gefühl. Ich war irgendwie glücklich und melancholisch zu gleich und wirklich gut habe ich auch nicht geschlafen. Das ging die ganze Woche so, bis mein Mitbewohner einzog. Ich war dann schließlich nicht mehr ganz so alleine in der „großen, weiten Welt“. 😉

01. Juli bis Oktober 2016
Es ist Freitag und es ist mein erster Arbeitstag, an dem ich gleich meine Fahrkünste demonstrieren darf, denn es geht nach Wolfsburg VW-Busse abholen.
Von diesem Tag an war ich für vier Monate Teil der Abteilung Interne Dienste. Meine Hauptaufgabe war es, mit Janik zusammen die Volunteers-Wohnungen bewohnbar zu machen. Anfangs habe ich selbst noch viele Möbel zusammengeschraubt. Heute bräuchte ich keine IKEA-Anleitung mehr, das ist fest in meinem Gehirn verankert. Nach und nach kamen aber ja immer mehr Volunteers dazu, sodass ich mich ab meinem dritten Monat hintergründig in die Organisation der Möbel-Abholungen, Schlüsselübergaben und Koordinierung der Bautrupps verschlagen habe. In dieser Zeit durfte ich lernen, wie anstrengend organisieren werden kann, wenn man auf Zeitdruck arbeitet. Denn die Einzugstermine der Volunteers standen ja alle schon fest und dementsprechend war es wichtig, dass Janik und ich nicht den Überblick verlieren durften. Das war eine gewaltige Lernaufgabe für mich. Unter anderem durfte ich auch lernen, uns Volunteers auf Augenhöhe zu koordinieren. Das war ganz schön schwer. Denn ich selbst bin Volunteer gewesen, trug aber aufgrund meiner Aufgabe mehr Verantwortung und musste die anderen anleiten – und das eben auf Augenhöhe zu tun, ohne sich als den Boss aufzuspielen war eine große Herausforderung. Aber jetzt denke ich, dass ich das gut gemeistert habe und es der perfekte Zeitpunkt war, Teamfähigkeiten zu lernen und weiter zu entwickeln.
Privat habe ich festgestellt, dass das WG-Leben gar nicht so einfach ist. Man muss plötzlich so viel Rücksicht auf Angewohnheiten der anderen nehmen, sich mehr absprechen als in der Familie, wo jeder schon weiß, wer wann welche Räume nutzt, wer in verschiedenen Situationen wie reagiert und so weiter. Es war eine kleine Herausforderung, die ich angenommen habe, aber später dann doch in den Sand gesetzt habe, da ich über mich selbst folgendes lernen durfte: Ich bin zu penibel in vielen Dingen und habe zuhause lieber meine Ruhe. Ich mag es nicht gerne, wenn man meinen Putzansprüchen nicht gerecht werden kann und bin keine Nachteule, wie es meine Mitbewohner waren. Dies waren auch die Gründe, warum ich im Dezember von einer 4er-WG in eine 2er-WG gewechselt bin.Außerdem durfte ich aber auch feststellen, dass ich in vielen Dingen meinem Bauchgefühl vertrauen kann.

November 2016 bis Februar 2017
Mein erster Winter weit weg von der Heimat. Ich habe die Abteilung Organisation im Einkauf tatkräftig unterstützt. Ich habe für die Weihnachtsfeier das Programm zusammengestellt, Weihnachten selbst mit meiner Familie auf Fehmarn verbracht und durch das gesamte Refo ging ein kräftiger Ruck, als das Jahr 2017 seine Pforten öffnete. Aus dieser Zeit nehme ich mit, dass man nicht alle Kollegen lieben muss, aber trotzdem mit ihnen konstruktiv arbeiten kann. Ich musste meine Zähne zusammenkneifen, um anderen gerecht zu werden. Diese vier Monate haben mit insbesondere aufgezeigt, wie verschieden Menschen mit Druck umgehen und wie sie sich verändern und man selbst mit. Gerade unter Druck ist es schwer, bei sich zu bleiben und dann schnauzt man schon mal rum und bereut es im nächsten Moment oder man wird angeschnauzt und muss die Arschbacken zusammenkneifen und weitermachen. Der Jahreswechsel bedeutete für uns alle, dass es jetzt soweit ist, dass wir nicht mehr viel Zeit haben und das nun endgültige Entscheidungen getroffen werden müssen. Und hinzu kommt, dass es Winter ist. Für viele eine unangenehme Jahreszeit. Für mich auch, obwohl ich eigentlich den Winter liebe. Ich hatte eine Winterdepression, etwas, was ich sonst überhaupt nicht kenne. Aber ich empfand den Winter in Wittenberg ausschließlich als grau, hässlich und erdrückend. Wir lebten in einem riesigen Plattenbau-Block aus den 70er-Jahren. Die Wände alle grau, wenn du aus dem Fenster schaust ist alles grau, der Schnee ist braun und matschig… das hat es nicht gerade einfach gemacht, die Motivation hochzuhalten. Aber ich habe mich durchgebissen und habe diese Zeit bewältigt. Wie? Keine Ahnung, aber ich bin stolz auf mich, dass ich meinen Gedanken weniger Raum gegeben habe und weitergemacht habe damit, was für den Fortschritt für den #reformationssommer wichtig war.

März und April 2017
Eine Umbruchszeit. Ich habe bei der Abteilung Organisation aufgehört und überbrückte die Zeit bis zum Beginn der Weltausstellung Reformation mit dem global learning forum und verschiedenen Arbeitsgemeinschaften. Ich stellte fest, dass mein Englisch doch nicht so grottig ist, wie ich dachte und beobachtete jeden Tag einen sprachlichen Fortschritt an mir, sodass ich mittlerweile Englisch total liebe. Ich lernte viele neue Menschen kennen – diese Menschen, die aus aller Herren Länder kommen, waren und sind so herzlich, aufgeschlossen und freundlich, dass man sie nur mögen kann. Die wenigsten konnten wirklich gutes Englisch und dennoch haben wir uns alle verstehen können und es sind wunderbare Freundschaften entstanden. Ich freue mich auf die Besuche in deren Heimat. Es war schön, in dieser Zeit nicht im Büro sitzen zu müssen, sondern den ganzen Tag einen regen Austausch über globale Themen wie gender, Kolonien und heutige politische Situationen zu haben und sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Wie ich hier schon erwähnt habe, ist mein persönlicher Mehrwert, zu wissen, dass wir Europäer für die Schicksale verschiedener Länder in Lateinamerika und Afrika verantwortlich sind. Bis dato war mir nie wirklich bewusst, dass „ich“ diese Schuld mittrage.

Mai bis September 2017
Das große Festwochenende und die Weltausstellung Reformation. Diese vier Monate waren von vielen herausragenden Highlights und Erlebnissen geprägt und davon, dass man manchmal stundenlang auf einen Besucher wartete. Aber ich habe gelernt, dass jeder Posten wichtig ist, auch wenn er nicht so oft angesteuert wird, wie andere. Denn die Menschen, die doch an diesem Posten vorbei kommen und auf die man trifft, sind dankbar für die Gespräche, Fragen und Antworten, die manchmal einen persönlichen Mehrwert geboten und manchmal einfach nur ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Auch ich bin der Diakonie Deutschland dankbar dafür, dass sie Lily und mir so sehr vertraut haben. Wir betreuten das Türenhaus der Gerechtigkeit und trugen viel Verantwortung dafür. Wir begrüßten Menschen, die in ganz Deutschland in der Diakonie arbeiten und viele internationale Gäste. Viele kamen aus den Vereinigten Staaten der USA, viele Holländer trafen wir und ganz viele Asiaten. Ich habe unheimlich viele Pfarrerinnen und Pfarrer kennengelernt und mich mit ihnen viel über mein anliegendes Studium unterhalten.
Es hat mir Spaß gemacht mit den verschiedensten Menschen über die Thematik Gerechtigkeit zu reden. Ich habe viele interessante Aspekte kennengelernt, an die ich bis dahin nicht gedacht hatte. Manchmal wusste ich auf Fragen keine Antworten mehr, weil ich mir erst mal Gedanken darüber machen musste. Es waren so viele Begegnungen, so kurze und wenige längere, aber jede Begegnung hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, jedes Gespräch hat mich innerlich bewegt und meinen Blick auf manche Dinge verändert: „Es ist nicht immer alles ausschließlich so, wie wir uns unsere Realität basteln, denn unsere eigene Realität ist nicht zwingend die deines Gegenübers.“

Fazit
Die 15 Monate Bundesfreiwilligendienst haben mich sehr verändert. Das Leben in der WG, die Aufgaben beim Reformationsjubiläum 2017 e.V., die Menschen, die zu Freunden und Familie geworden sind, die vielen kurzen Begegnungen und unglaublich spannenden Gespräche. Das alles hat jedes Mal mit mir was gemacht. Ich habe meine Sichtweise auf manche Dinge verändert, ich bin von einer Einzelgängerin zu einer teamfähigen Person geworden, die andere in einer Gruppe auch zu Wort kommen lässt und es nicht immer besser weiß. Ich bin ein bisschen diplomatischer in Konfliktsituationen geworden und habe mich sehr stark mit der Spontaneität befreundet. Ich habe wertschätzen gelernt, wie privilegiert ich eigentlich lebe. Einerseits war ich ein sehr verwöhntes Kind, dass lernen musste, seinen Alltag sinnvoll zu strukturieren – nicht immer war das einfach, im Gegenteil – und andererseits musste ich lernen, dass ich nicht bei jedem Problem(-chen) nach meinen Eltern rufen kann und darf. Manchmal tat das ganz schön weh, aber ich bin an meinen Problemen und Aufgaben gewachsen und weiß jetzt besser, wozu ich in der Lage bin und dass ich alles meistern kann, wenn ich es will. Andererseits habe ich aber auch gelernt (und darauf bin ich ziemlich stolz), meine Grenzen zu erkennen und aufzuzeigen. Anfangs habe ich zu allem, was mir aufgetragen wurde, „Ja“ gesagt, ohne auf mich und meinen Körper zu hören, nur weil ich unbedingt meinen Kollegen gefallen wollte. Nach und nach habe ich aber festgestellt, dass es mir nicht wirklich gut tut, mich selbst zu ignorieren, nur weil ich denke, dass andere denken, was ich denke… ihr kennt das bestimmt selbst ganz gut. Oh und nicht zu vergessen ist meine Freundin: die Improvisation. Läuft etwas nicht, wie ich es gerne hätte, mache ich es halt eben anders. Ganz einfach. Vor meinem Bundesfreiwilligendienst wäre diese Einstellung undenkbar gewesen. Viele meiner Freunde aus der Heimat habe ich damit überrascht. 🙂 Und die wichtigste Erkenntnis überhaupt ist, dass ich – egal, was passiert – meine Familie und Freunde habe, die mir zur Seite stehen, mit denen ich über alles reden kann und diese Beziehungen pflegen soll. Denn das war mein größter Fehler überhaupt. Ich dachte, ich müsste alles alleine schaffen, müsste alles mit mir selber ausmachen. Aber das stimmt nicht. Für meinen nächsten Lebensabschnitt habe ich mir vorgenommen, meine Familie und Freunde nicht so zu vernachlässigen, wie ich es gemacht habe in Wittenberg. Ich habe meine Eltern vielleicht mal alle zwei bis drei Wochen angerufen und mit Freunden höchstens mal geschrieben. Ich bin so froh, dass sie es mir nicht übel genommen haben. Danke Leute, danke Mama und Papa und liebster Bruderherz, dass ihr immer für mich da seid und mich lieb habt. Ich hab euch auch alle ziemlich dolle lieb!
Danke euch Kollegen und Freunde aus Wittenberg, ganz Deutschland und aller Welt, dass ihr mich in dieser Zeit begleitet habt und dass ich durch euch so vieles neues erleben, lernen und erfahren durfte. Vor allem Spaß, Freude und Liebe!

 

Folgende Zeilen sind aus einem Lied, die eine Gruppe von Volunteers selber gedichtet hat. Sie beschreiben ziemlich gut, was ich fühle und wie ich denke:

Bye-bye community you’ve been my life

bye-bye friends it was a really good time

bye-bye should never be a bye-bye forever

bye-bye everything will be all right!

 

Danke, dass ihr, liebe Leser*innen, mich durch diese 15 Monate begleitet habt und mich motiviert habt, dass ich jeden Monat berichte. Dieser Beitrag ist vermutlich der ehrlichste, den ich überhaupt veröffentlicht habe. Ihr könnt natürlich jederzeit vorbeischauen und euch die Erinnerungen durchlesen und weiterhin kommentieren. Ich werde alle Kommentare und Fragen beantworten 🙂

Das Jahr war einmalig. 500 Jahre Reformation habe ich diesen vergangenen Sommer mit über 100 hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen und über 200 Volunteers gefeiert und gelebt. Ich werde diese Zeit nie vergessen und noch meinen Enkeln davon erzählen. Sowas kommt nie wieder und ist eine einzigartige Erfahrung und ich bin so glücklich, froh und dankbar, dass ich Teil dessen sein durfte, was wir da geschaffen haben!

Dankeschön,
eure Acelya ❤

Autor:

Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume!

3 Kommentare zu „Auf Wiedersehen!

  1. Acelya, da muss ich doch auch mal kommentieren 🙂
    Ich fand es toll deinen Weg über deinen Blog mitzuverfolgen. Du hast ein tolles, ehrliches Fazit gezogen, dem ich als ‚Freundin aus der Heimat‘ 😉 definitiv zustimmen kann. Ich bin gespannt wo dich deine Erkenntnisse noch hintragen und freue mich jetzt schon auf den Blog zu deiner großen Reise!!

    Bis Weihnachten!
    ❤ Alina

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  2. Liebe Acelya,
    Ich habe immer mit großer Neugierde deine Zeilen verfolgt! Ich fand es spannend deiner Erlebnisse, wenn auch nur durch das lesen, beizuwohnen! Dein letzter Beitrag hat mich jedoch am meisten berührt! Er ist so voller Erinnerung, Ehrlichkeit und Reflexion dass ich beim Lesen mit den Tränen kämpfen mussten! Ich hatte das Gefühl, deine15 Monate quasi mit dir erlebt zu haben!
    Du kannst echt stolz auf dich und deine Weiterentwicklung sein! Ich wünsche dir von Herzen, dass du deinen weiteren Lebensweg genauso souverän weitergehst!
    Alles Liebe wünscht dir Bianca

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    1. Liebe Bianca,
      danke für deine lieben und herzlichen Worte. Dass meine Worte dich so berühren, hätte ich nicht gedacht. Aber es freut mich, es zu hören. Danke für deine Anteilnahme an meinem Lebensweg. Ich folge meinem Herzen und bin gespannt, was Gott alles so für mich bereithält. 🙂
      Herzlichen Dank
      Acelya

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